Seite auswählen

Seid fruchtbar und vermehret euch, sprach der Herr. Vom Aufhören hat er nichts gesagt. Ein Fehler?

13. August 1741. Süßmilch knöpfte seinen schwarzen Talar zu, legte die weiße Leinen-Halsbinde um und rückte mit den Fingern seine Perücke zurecht. Eine Lockenpracht. Sie juckte ihn. Aber als Amtsdiener Gottes hatte er ordentlich auszusehen. Das bisschen Jucken würde er schon ertragen. Seine eigenen Befindlichkeiten waren dem evangelischen Gemeindepfarrer ziemlich egal. Ihn interessierte, was andere ertragen können. Die Erde zum Beispiel.

Süßmilch ging zum Altar. 300 Seelen zählte seine kleine Pfarrgemeinde im Dörflein Etzin vor den Toren Berlins. An diesem Sonntag war die Kirche bis in die hinterste Reihe gefüllt. Alle blickten gespannt nach vorne, gespannt, was der Herr Pfarrer denn sagen, welche Bibelstelle er wählen, ja wie der neue Pfarrer seine Antrittspre- digt gestalten würde. Süßmilch spürte, wie er un- ter seiner Perücke zu schwitzen begann. Er nahm die Bibel zur Hand, schlug die ersten Seiten auf und las daraus vor: „Pflanzet euch fort und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.“

700 Millionen Menschen füllten im Jahr 1741 die Erde. So viele leben heute alleine in Europa. Johann Peter Süßmilch war diese Zahl gut bekannt, denn seine Leidenschaft für Gott verband er mit einer Leidenschaft für Zahlen, und eben erst, vor fünf Monaten, hatte er beides in einem dreihundertsechzig Seiten umfassenden Werk miteinander verbunden. Das Werk, das in die Geschichte eingehen sollte – wenigstens in die mathematische – war das erste deutsche Statistikbuch und die erste Prognose zum Wachstum der Weltbevölkerung.

Johann Peter Süßmilch war Statistiker – zu einer Zeit, als das Wort Statistik noch gar nicht existierte. Er durchforstete Kirchenbücher nach Sterbe-, Geburts- und Heiratsdaten, füllte damit Zahlenkolonnen und suchte in diesen die Ord nung der Welt. Eigentlich aber wollte er einfach nur beweisen, dass es Gott gibt. Wenn sich auf der Erde Gesetzmäßigkeiten feststellen ließen, dann musste es schließlich auch jemanden geben, der die Gesetze festlegt. Das war die Idee des Pfarrers, der außer Gott auch an die Zahlen glaubt.